Monday 18th December 2017
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December 7, 2013
December 7, 2013

Athen: am Rande Europas, aber dennoch Protagonist der Gegenwart

Author: Valerio Pelliccia Translator: Stella Lehning
Source: Nea Polis Roma  Category: Letters from home
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Athen: am Rande Europas, aber dennoch Protagonist der Gegenwart

Athen. Nur ein Wort für fünfeinhalb Millionen Einwohner. Nur eine Stadt für fast ein ganzes Land. Es gibt größere Metropolen auf der Welt, aber wenn man die Stadt von einem erhobenen Platz wie den Lycavettus Hügel aus betrachtet, raubt es einem den Atem und hinterlässt seine Spuren, verändert die Wahrnehmung. Die Stadt erstreckt sich grenzenlos vor einem, der moderne Zement wird nur durch ein paar grüne Flecken von den klassischen Ruinen getrennt. Der Anblick erstaunt und begeistert, besonders wenn die Sonne zwischen den Hügeln untergeht und das erfüllende Farbspiel dazu beiträgt, dass dieser Sonnenuntergang unvergessen bleibt.

Vom Lycavittus Hügel aus kann man alle bekannten Orte Athens sehen. Und in einem Moment, wie gekidnappt und teleportiert, erlebt man es am eigenen Leib: man spaziert zwischen den kleinen Häusern der Plaka, einem kleinen Dorf, dass es auf wundersame Weise geschafft hat der unkontrollierten Urbanisierung zu entgehen; entspannt in einem Swimming Pool auf der Dachterrasse im zentralen und prestigeträchtigen Kolonaki. Oder man steht auf dem bipolaren Syntagma Platz, an einem Tag elegant und europäisch, am nächsten ein Schlachtfeld, auf dem sich die Wut der Bevölkerung entlädt. Man erkundet das Gedränge des Marktes in Omonia, ein wahrer Schmelztiegel aufgrund der hohen Migrantenzahl, oder warum sollte man nicht einen Kaffee in einem der angesagten Cafes schlürfen, die die ganze Stadt beleben? Man läuft bis in die östlichen Vorstädte, schmucklos und überstürzt gebaut, um so die Flüchtlingsströme aus Anatolien zu beherbergen, das in den 1970er Jahren von den Türken zurückerobert wurde; kehrt zur Akropolis zurück, pure Magie umgibt diesen Ort. Schließlich erkennt man das Meer, verloren am Horizont, zwischen den Schornsteinen der Stahlwerke und den Schiffswerften von Piräus, ehemaliger nationaler Stolz und heute verkauft an das erstbeste ausländische Angebot; entdeckt Glyfada, das angesagteste Küstenviertel von Athen.

Dennoch ist es nicht die architektonische Schönheit Athens, die heute für die griechische Hauptstadt charakteristisch ist. Es ist eher das Bewusstsein eines unauflöslichen Widerspruchs, der das pulsierende Herz der Stadt am Rande Europas am Schlagen hält; dies alles erkennt man, wenn man die Stadt von oben betrachtet. Athen war die Wiege der Demokratie, heute scheint es als der Protagonist um das Ende der Demokratie, oder zumindest deren Wendepunkts.

Viele fragen mich: „Ist diese Krise real oder nicht?“ Die erste impulsive Antwort ist „ja“. Abgesehen von der katastrophalen wirtschaftlichen Lage, sieht man auch auf der Straße an jeder Ecke die omnipräsente Bereitschaftspolizei sowie hunderte Obdachlose, die in den Eingängen der Einkaufspassagen Unterschlupf suchen. All das in der gleichen Stadt, die vor der Krise stolz drauf war, die geringste Obdachlosenzahl Europas zu haben. Die Läden der Stadt? Viele sind Pleite gegangen. Ebenfalls erkennt man die Krise anhand der vielen Straßenhunde, die oft noch mit ihrem Halsband durch die Straßen laufen und auf der Suche nach etwas Essbaren den Müll durchsuchen. Nun kämpfen sie nicht mehr nur unter sich um die Reste, die sie im Abfall finden. Es ist ein stiller Kampf der Armen. Am Rande der Menschlichkeit. Auch die Drogenabhängigen fehlen nicht, sie sitzen tagein tagaus in der Innenstadt aufgrund ihres Konsums, der sich langsam wie eine Seuche bei den Verzweifelten in der Stadt ausbreitet. Das Heizen mit Holz, eine billige Alternative zum teuren Heizöl, war hoch in Mode bis der Staat gezwungen war es zu unterbinden, um so die steigende Umweltverschmutzung und Abholzung einzudämmen. Es passiert oft dass man ein unbeheiztes Cafe betritt in dem die Besucher ihre Jacken zuerst anbehalten, doch kurz darauf brechen sie wieder, entmutigt von der Kälte, auf. Es gibt unzählige Selbstmorde und jeder, der den Verstand verloren hat, irrt nun durch die Straßen und rempelt die fremden Fußgänger an.

Durch diese Beschreibung erscheint Athen wie eine Stadt, die langsam ins Chaos einer apokalyptischen Szene abrutscht. Doch wenn man durch die Straßen läuft ist die Stimmung alles andere als trostlos. Es herrscht Geschäftigkeit und die Gesichter der Menschen sind nicht mürrisch und angespannt, der Ausdruck schwankt zwischen Entspannung und Freude. Cafes, Clubs, Tavernen? Sie füllen sich schon am Nachmittag, am Abend ist es kaum möglich noch einen Platz zu finden, besonders am Wochenende. Dank der griechischen Lebensfreude ist das Nachtleben die Stärke Athens, das dem anderer Städte Europas in nichts nachsteht.

Also was ist die passende Antwort auf die Frage, wenn man in einem Moment denkt: „Die Griechen stecken in einer sehr schlechten Situation!“ und im anderen: „Oh mein Gott, was für ein wunderschöner Platz!“? Um diese Frage richtig beantworten zu können ist es nötig die offensichtlichen Gegenpositionen beiseite zu lassen, umso die typischen Verfälschung einer Wirtschaftskrise erklären zu können: die Krise trifft nicht jeden gleichermaßen. Tatsächlich gibt es Bevölkerungsgruppen die stark gebeutelt sind, während andere ihren Reichtum intakt halten können. Deshalb ist es nicht genug sich nur auf der Straße umzusehen, sondern auch wichtig darauf zu hören, was die Leute sagen, oder besser noch, was sie nicht sagen. Grenzenlose Wut, Kämpfe und Demonstrationen werden eigentlich als Reaktion auf die absurden Sparmaßnahmen der Troika erwartet. Die Art wie die unmenschlichen Sparauflagen strukturiert sind, ist konträr zu den wirtschaftlichen Voraussagen, dies zeigt sich durch die schrumpfende griechische Wirtschaft, steigender Arbeitslosenzahl und Staatsschulden, die sich kaum mehr kontrollieren lassen. Uneffektive Maßnahmen werden seit Jahren von korrupten Politikern durchgesetzt, die beinahe täglich in einen neuen Korruptionsvorfall involviert sind. Die Konsequenz darauf war die einstimmig Wut der Griechen, die das gesamte Land nah an einen Generalaufstand brachte, oder zumindest zeichneten dieses Bild die Medien. Aber die stark besuchen Demonstrationen sind heute nur noch Erinnerungen. Es gibt immer noch die Parteien, Anarchisten und politische Aktivisten, aber der normale Bürger, arm oder reich, sucht nun Zuflucht im Privaten. Probleme und Dramen spielen sich nun in den eigenen vier Wänden ab und durch den psychologischen Widerwillen, sich diesen zu stellen, wird das Krisenthema in den griechischen Haushalten vermieden „Vor einem Jahr noch sprachen wir die ganze Zeit über die Krise, suchten nach Gründen und einer Lösung des Problems. Heute sind wir müde und bevorzugen es über alles außer dem zu sprechen, was uns gerade passiert.“ Diesen Satz habe ich von einer griechischen Freundin gehört als ich gerade in Athen angekommen war, und als ich mit ihr und ihren Freunden abends ausging realisierte ich wie traurig, aber wahr ihre Aussage ist: die wenigen Male wenn die Krise im Gespräch thematisiert wird, werden die schuldigen Parteien nie genannt, nicht einmal hypothetische. Der Wunsch zu protestieren geht gegen Null: „Früher waren die Demonstrationen stärker besucht, doch heute ist es sinnlos hinzugehen…“ Einzig die generelle Resignation bleibt, eine Möglichkeit ihr zu entfliehen, wenn nicht sogar die einzige, ist Arbeit im Ausland zu suchen: „Von meinem Abschlussjahrgang bin ich die Einzige, die noch in Griechenland ist. Die anderen arbeiten alle im Ausland.“ Es ist nicht ungewöhnlich Aussagen wie diese von gut ausgebildeten, unbeschäftigten Akademikern in ihren Mittdreißigern zu hören, die überlegen es ihren ehemaligen Mitschülern gleichzutun.

Dies ist die griechische Tragödie. Der wütende Ruf des Rebellen hat sich zu Niedergeschlagenheit und einem resigniertes Schulterzucken gewandelt. Der Wunsch nach Wandel, das Umdenken zu einem neuen demokratischen Konzept oder das einfache Recht auf den Traum einer Zukunft im eigenen Land, all dies hat sich in Nichts aufgelöst. Banker, Politiker und deren Eigennutz haben gegen die eigenen Mitmenschen gewonnen, wodurch Griechenland zu einer Versuchsanstalt des Neoliberalismus wurde. Das Experiment ist gelungen. Dank dem medialen Druck, gemixt mit harten Repressionen und drakonischen Sparauflagen, war es ihnen möglich die Schuld an der Krise von sich auf die griechische Bevölkerung zu schieben, gefolgt von der Nachricht, dass die Griechen über ihren Verhältnissen gelebt haben. Und nun lernen die Griechen, erschöpft und bezwungen von 5 Jahren Krise, dies zu akzeptieren. Privilegien und wichtige politische Ämter wurden sich persönlich gesichert, aber nur zu einem hohen Preis. Was bleibt, wenn jeder das Handtuch wirft? Was bleibt von Griechenland, wenn die Jugend, besiegt durch ihre Resignation, durch ihre Entrüstung und durch ihre Scham, nun von anderen Ländern träumt?

Du entscheidest.

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